Die Zärtlichkeit des Sonntagsbratens

Eine Familiengeschichte



Die Geschwister Eggli, nicht nur zärtlich, aber interessant und mitreissend. Ein Tagebuch in Zusammenarbeit mit ihren Brüdern, dem nichtbehinderten Gastrokritiker, Daniel Eggli (gestorben 2001) und dem behinderten Bruder Christoph Eggli

(Zytglogge Verlag, 1986)


Gedanken im Februar 2004


Blättern in der Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die dokumentiert ist durch so viel Gedrucktes und auch Handgeschriebenes. Vatis Briefe zum Beispiel, verschlungene Schrift mit allerlei Schnörkeln und Bögen, wie eine Kaliographie und beinahe unleserlich, mit Nebensätzen, Einfügungen und Fussnoten. Dann Daniels bissigen und süffigen Schreibstil, in Artikeln, in unserem gemeinsamen Buch «Die Zärtlichkeit des Sonntagsbratens» und in seiner Gastrozeitung Salz und Pfeffer. Auch von Christoph gibt es sehr viel Geschriebenes: ganze Geschichten zu seinen Bildern, die nun leider in einem Museumskeller in St. Gallen verstauben. Leserbriefe, Kritische Beiträge zu verschiedenen Themen und immer wieder zu Sexualität.

Und auch ich. Was habe ich nicht alles geschrieben in all den Jahren. Wie schaffe ich Ordnung in all dem Papier? Artikeln, Glossen, Berichte, Kolumnen, Interviews, Geschichten ... Wühlen in Papier. Blätter, manche schon alt und gelbbraun verfärbt, bei den Knicken eingerissen. Neuere Schreibereien sind auf besseres Papier gedruckt.
Wie viele Worte und Sätze haben wir schon produziert, wir Egglis, wie viele Bilder und Welten, aus Buchstaben erschaffen, sind entstanden.


Villa Christoph



(v.l.n.r.) Christoph Eggli mit zwei seiner Assistenten,
Gerd Josten, Ursula Eggli und Petra Wittrin


Indonesien: Ausgedehnter Inselstaat auf der anderen Seite unserer Erdkugel

Bali: Paradiesinsel, etwa in der Grösse des Kantons Bern, Teil von Indonesien

Mein wegen Muskelschwund schwer behinderter Bruder Christoph ist vor 4 Jahren nach Bali ausgerollt. Politischer Flüchtling nennt er sich. Entflohen aus dem Gefängnis Schweizer-Institutionen. Am Fernsehen brachten sie eine Sendung über ihn, unter dem Titel  «Villa Christoph». Vielleicht haben sie Sie gesehen.

Dezember 2003 machte ich mich, selber ebenfalls im Rollstuhl, auf, um Christoph auf jener fernen Insel zu besuchen. Die Reise (31 Stunden unterwegs) war beschwerlich und anstrengend, aber, welch Sensation – als wir (meine zwei Begleiter Gerd und Petra und ich) in Denpasar aus dem Flughafen kamen, umfing uns wunderbar warme, feuchte Luft, Vogelgezwitscher und der für Bali typische schwere Duft von Blüten und Nelkenzigaretten.

Am Tag zuvor hatten wir noch im eisigen Wind Europas gefroren.  

Christoph hatte für uns ein Hotel in Seminiak (Kuta) am Meer reserviert. Übermüdet und staunend trafen wir dort ein. So viele überwältigende Eindrücke und Fremdheit. Wenn ich mir den Garten Eden vorstelle, stelle ich mir Bali vor. Eine unendliche Vielzahl von Blüten und Formen, riesige Farne und funkelnde Schmetterlingen, Wasserfällchen und Teiche voller rosa Seerosen, eine Überfülle an Natur. 

Auch eine Überfülle an kunstvollen Bauwerken, Statuen, Säulen und Mauern und eine Allgegenwart von Kultur und Religion. Kultur und Religion ist mit dem Alltagsleben Balis eng verschmolzen. Jeden Morgen wird ein aus Palmwedeln geflochtenes Körbchen mit ein paar Reiskörnern drin, vielleicht einem Apfelschnitz, sicher Blüten, vor die Haustüre gestellt, die Götter günstig zu stimmen. Die Balinesen sind zartgliedrige, sehr freundliche Menschen. Sofort kamen sie gerannt, wenn wir irgendwo vor einer Stufe standen. Und den Dank wehrten sie stets mit einem «you`re welcome» ab.

Christoph wohnt in Denpasar, der Hauptstadt von Bali an einer sehr belebten, lauten Strasse in einem hübschen Haus, das er mit einer Rampe elektrorollstuhlzugänglich machen liess. Er organisiert sich  mit drei männlichen Assistenten und Ida, einer ehemaligen Prostituierten, die dort als seine Frau gilt. Da er geburtsbehindert ist, (also nie Sozialabgaben einbezahlte), bezog er in der Schweiz eine sogenannte Sonderrente. Etwas, was vielen Geburtsbehinderten gar nicht bewusst ist. Diese ist aber die einzige Rente, die im Ausland nicht ausbezahlt wird. Für Christoph wurde es darum existentiell, als er das in Bali plötzlich erfahren musste. Spenden nach einer Radiosendung halfen ihm vorübergehend über die Runden. Im Moment lebt er von einer Sozialrente, die aber kaum reicht für die drei Löhne, Hausmiete und Lebensunterhalt.

Seine Hilfsmittel (Sprechcomputer, Rollstühle und Stützkorsett) hat Christoph aus der Schweiz mitgenommen. Mittlerweile nagt an allem der Zahn der Zeit und müsste erneuert werden. Hilfsmittel sind aber in Bali kaum zu bekommen. Er müsste drum in die Schweiz zurück, wofür aber natürlich kein Geld verhanden ist.

Der Elektro ist in Bali ausserhalb des Hause kaum zu gebrauchen: Treppen, hohe Bordsteine, irrsinns Verkehr, (vor allem ein wildes, scheinbar willkürliches Durcheinandersausen von tausenden von Motorrädern, die sich mit den Autos um den Vortritt streiten) und fehlende Transportmöglichkeiten. Ich war jedenfalls froh, hatte ich nur den Faltrollstuhl dabei.

Dreibeinige Hunde sind allgegenwärtig, so dass ich bald meinte, es sei eine besondere Züchtung. Als wir aber Ausflüge über die Insel unternahmen, sahen wir, dass diese Tiere ein sehr gefährliches Leben auf der Strasse führen. Trotz ständigem Hupkonzert weichen sie kaum aus, wenn sie über die Fahrbahn schlendern, oder sich einfach mitten auf der Strasse zum Schlafen hinlegen. Menschliche  Behinderte habe ich kaum gesehen. Christoph meint, sie seien in irgendwelchen Hinterzimmern versteckt. Trotzdem scheint es eine sehr begrenzte Behindertenbewegung zu geben und Christoph hat auch schon Kontakt mit ihnen aufgenommen. Zurück in die Schweiz möchte er auf keinen Fall. Nur in Bali könne er ein selbstbestimmtes Leben führen. Auch seine Bekannten dort  verstehen nicht, warum ich nicht seinem Beispiel folge. Für mich wäre es nichts. Ich habe mein selbstbestimmtes Leben in der Schweiz auf einem Freundeskreis aufgebaut, der mir dort, trotz idealem Klima und freundlichen Menschen, fehlen würde.
Ursula Eggli



Balinesische Kinder und exotische Früchte


Ursula und Petra im Paradies



Daniel Eggli mit seiner Frau Heidi und den beiden
Töchtern Désirée und Marisa




1977 Christoph Eggli (rechts)


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